Wer mordet schon im Ruhrgebiet?

Im letzten Jahr habe ich mehrere Ausflüge ins Ruhrgebiet gemacht, um Orte für potenzielle Krimis zu entdecken. Einige der Orte, die ich besucht habe, wurden zu Schauplätzen der elf Kurzkrimis in dem Buch „Wer mordet schon im Ruhrgebiet?“, das Anfang Juli im Gmeiner-Verlag erscheinen wird. In den Geschichten finden sich neben den elf Tat- oder Fundorten weitere Plätze aus dem Ruhrgebiet. Daher der Untertitel 11 Krimis und 125 Freizeittipps.

Die Auswahl der Orte ist mir nicht leicht gefallen, weil es im Ruhrgebiet wirklich spannende Locations gibt. Hier müsste man Privatier sein, um alles zu erleben, was es zu sehen gibt. Ich habe schon die Ausflüge genossen und vieles entdeckt, was selbst Ur-Ruhries nicht bekannt war. Ein bisschen knifflig war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte – ich wollte alle 53 Orte der Metropole Ruhr irgendwie unterbringen. Ich fürchte, ich habe es nicht ganz geschafft. Aber es gibt eben soooo viel hier.

Natürlich hat Hagen einen eigenen Krimi bekommen, der Tote wird auf dem Gelände der Munitionsfabrik gefunden, die Spuren führen in den Hohenhof und nach Breckerfeld. Die Geschichte über Hattingen hatte ich ja bereits fertig, als ich mich um das Projekt bewarb, da habe ich noch den einen oder anderen Ort eingepflegt und war erstaunt, dass es dort ein Aphorismus-Archiv gibt. Das steht oben auf meiner Besuchsliste. Auch der Krimi aus Bochum, den ich als Leseprobe beigelegt hatte, ist in dem Buch enthalten – er spielt, wer mich kennt, den wird es nicht wundern – am Ümminger See und führt auch ins Uni-Center.

Meine Ermittler haben das Ruhrgebiet tatsächlich von West nach Ost und Nord nach Süd erkundet, sie waren am Schiffshebewerk Henrichenburg und im Maxipark in Hamm, im Archäologischen Park in Xanten und auf Schloss Lembeck, in der Villa Hügel und haben sogar eine Schiffsfahrt durch den Duisburger Hagen gemacht. Hier muss ich mich ausdrücklich bei der Weißen Flotte Duisburg bedanken, die mir unbürokratisch Informationen über die Routen geschickt haben. Ich hatte die Hafenrundfahrt zwar gemacht, aber nicht notiert, was man alles zu sehen bekommt. Ach ja, in der Haard geschieht auch ein Mord und in Dortmund natürlich ebenfalls, den Tipp für den Tatort dort bekam ich übrigens von einem Hagener, der immer mit dem Fahrrad nach Dortmund fährt. Das geht also doch.

Um die Fälle zu lösen, schicke ich drei Ermittler aus. Den Blogger Sven Kempelmann, der mit seinem VW-Bulli Spritty und seiner Band, die Wildscheine, ständig unterwegs ist und gelegentlich über Mordopfer stolpert. Ganz anders ist Hannes Haarmann, ein pensionierter Bergmann, der sich zum Privatdetektiv hat ausbilden lassen und der keine Gelegenheit verstreichen lässt, sein neu gewonnenes Knowhow einzusetzen. Und schließlich ist mein Hagener Ermittler Gerd Neubert mit von der Partie, allerdings wirkt er im Hintergrund und unterstützt Hobbyermittlerin Anja Henke, der seit Eröffnung ihrer Krimibuchhandlung „Mord & Ortschlag“ ständig Leichen vor die Füße fallen.

Gerade bin ich in Gesprächen wegen Lesungen aus dem Buch, am liebsten würde ich natürlich in den jeweiligen Locations lesen, falls also jemand aus dem Maxipark oder der Villa Hügel, dem LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg oder dem Archäologischen Park in Xanten, Schloss Lembeck oder einem der anderen genannten Orten Interesse hat – bitte melden! © Dr. Birgit Ebbert www.birgit-ebbert.de

Birgit Ebbert: Wer mordet schon im Ruhrgebiet? Gmeiner Verlag 2015

18.03.2015 Henrichshütte in Hattingen

Endlich war heute wieder das passende Wetter für einen Outdoor-Recherche-Ausflug. Gerade passend, denn täglich kann mein Manuskript mit den Ruhrgebietskrimis aus dem Lektorat kommen, das im Sommer erscheinen wird. Noch könnte ich also etwas ändern. Mal sehen. Unter uns: Abstruse Fundorte für Leichen habe ich auf dem Gelände der Henrichshütte in Hülle und Fülle gefunden.

Für mich ist das Industrieareal so etwas wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Wo man auch hinschaut, gibt es etwas zu entdecken, da stehen alte Eisenbahnwaggons und Loren, Treppen wollen erklommen werden – ok, für Menschen mit Höhenangst vielleicht nicht immer angenehm. Aber die finden auch auf dem Erdboden hinter jedem Überrest der ehemaligen Eisen- und Stahlhütte Sehenswertes, über dessen Bedeutung sich rätseln lässt. Und zwischendurch begegnen denen, die aufmerksam unterwegs sind auch schon mal Fledermäuse und Schmetterlinge und man hört Vögel zwitschern, als befände man sich mitten im Wald.

Die Natur wird ähnlich gewesen sein, als Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode 1854 hier seine Firma gründete. In wenigen Jahren wurde daraus ein riesiges Unternehmen, von dem das Gelände noch heute einen Eindruck vermittelt. Obwohl nicht mehr alle Gebäude stehen, allein die Weitläufigkeit und die Vielfalt der Gebäude, die betreten werden können, lassen das erahnen. Mitten in der Architektur und teilweise auch in den Maschinen des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich Einheiten, die über die Nutzung der Hütte und ihre Hintergründe informieren. Ein Teil der Gebäude wird für Ausstellungen genutzt, heute waren dort noch Stereoskopien über die Zeit des 1. Weltkriegs zu sehen. Faszinierend, was bereits vor 100 Jahren technisch möglich war und wie man als Betrachter in die fotografierte Situation durch den 3D-Effekt hineingezogen wird. Obwohl ich im letzten Jahr bereits einige Ausstellungen über den 1. Weltkrieg gesehen hatte, war das doch wieder ein neuer Zugang, der neue, lebensnahe Einblicke vermittelt hat.

Auch ein Teil der früheren Gebläsehalle steht für Ausstellungen zur Verfügung, derzeit werden dort Fotos gezeigt, die der Magnum-Fotograf Heinrich List auf dem Gelände der August Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn gemacht hat. Nach dem Rundgang über das Gelände war ich schon so voller Eindrücke, dass ich die Fotos nur noch rasch angeschaut habe, um einen kleinen Eindruck von der Arbeit in den 50er Jahren zu gewinnen.

Dafür habe ich dann aber in dem Restaurant gegessen, das in die Gebläsehalle hineingebaut wurde und von wo aus man einen interessanten Blick auf die alten Maschinen hat. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie ästhetisch die Industriegebäude im Ruhrgebiet vor über Jahren gebaut wurden. Völlig anders als die Fabriken, die ich heute kenne. Vielleicht kenne ich die ästhetisch ansprechenden auch nicht, das kann sein. Allerdings ist es auch eher selten möglich in heutigen Fabriken umherzustreunen wie auf dem Hüttengelände. Sehr gefallen hat mir im Übrigen die „blaue Ratte“, die einen bereits am Eingang begrüßt und durch das Gelände geleitet. In erster Linie bringt sie Kindern die Geschichte des Geländes verständlich nahe, aber so gut, dass man auch als Erwachsene gerne in die Hörsequenzen reinhorcht und die Pavillons erkundet.

Bestimmt habe ich noch etwas vergessen, es gab einfach viel zu sehen und zu fotografieren, zu lesen und anzufassen und ich habe fast alles erledigt. Nur auf den Hochofen bin ich nicht heraufgeklettert, weil der Aufzug gerade außer Betrieb ist. Aber ich war sicher nicht zum letzten Mal auf dem Gelände.

14.08.2014 Haus Goldschmieding in Castrop-Rauxel

Noch immer besuche ich mehr oder weniger bekannte Sehenswürdigkeiten im Ruhrgebiet zur Vorbereitung für ein Buch. Dieses Mal hatte ich wieder ein Aha-Erlebnis. Als gebürtige Münsterländerin bin ich quasi mit Schlössern und Burgen in Ausflugsnähe aufgewachsen. Dass es aber auch im Ruhrgebiet derart bezaubernde Schlösser und Herrenhäuser gibt, hätte ich nicht gedacht.

Rein zufällig bin ich bei der Vorbereitung auf das Haus Goldschmieding in Castrop-Rauxel gestoßen, in dem sich heute ein Hotel, ein Standesamt und ein Restaurant befinden. Auf den Überresten der früheren Pferdeställe wurde ein Teil des Hotels gebaut. Der Wohnsitz der früheren Besitzer ist jedoch zum Teil noch originalgetreu erhalten, vor allem der älteste Renaissance-Kamin aus Sandstein, der durch die feinen Ornamente in dem hellen Stein beeindruckt. Im Rittersaal, der als Veranstaltungsraum genutzt wird, konnte ich endlich einmal eine glitzernde Ritterrüstung – nicht anziehen! – von Nahem betrachten.

Erstmals erwähnt wird das Haus 1275, damals gehörte es Lambert von Gholtsmedinc, damals war das Gebäude eher von Acker- und Weideland umgeben, während sich heute an den Garten ein Wald anschließt. Der ist derzeit nicht überall begehbar, weil die Schäden des letzten Unwetters deutlich zu sehen sind. Aber ein Rundgang durch den begehbaren Teil offenbart einige Kunstwerke und interessante Details. Mich hat die Spielecke besonders fasziniert, weil ich lange kein in den Boden verlegtes Schachbrett mehr gesehen habe. Für diejenigen, die es lieber bequemer haben, gibt es aber auch einen Schachtisch!

Haus Goldschmieding ist nicht nur architektonisch ein Denkmal der Geschichte, in ihm ist auch Geschichte gelebt worden. 1872 nämlich kaufte der Ire William Thomas Mulvany das Haus, um von hier aus maßgeblich zur Entwicklung des Ruhrgebiets beizutragen. 1855 begann er mit dem Abteufen des ersten Schachtes der Zeche Hibernia in Gelsenkirchen und begann 1856 mit der Kohleförderung. 1867 verantwortete er den Start der Kohleförderung auf der Zeche Erin in Castrop. Da er nicht nur ein Mann der Arbeit, sondern auch des Vergnügens war, begründete er 1875 die Castroper Galopprennbahn, auf der Pferde aus eigener Zucht die Zuschauer unterhielten.

Das Haus Schmieding ist nicht das einige herrschaftliche Anwesen, das noch heute in Castrop-Rauxel steht. Leider ist Schloss Bladenhorst in Privatbesitz und kann höchstens bei Veranstaltungen besucht werden. Von außen sieht es ebenfalls wunderschön aus – ich würde zu gerne wissen, wie es innen beschaffen ist. Ich bleibe am Ball sowohl was das Interieur von Schloss Bladenhorst als auch Burgen, Schlösser und Herrschaftshäuser im Ruhrgebiet angeht!

17.04.2014 Der Maximilianpark in Hamm

Gestern habe ich einen neuen Versuch gestartet, den Maximilianpark in Hamm zu besuchen – und ich bin froh, dass ich nicht aufgegeben habe. Allerdings frage ich mich, wie ich als Elefanten-Sammlerin 30 Jahre übersehen, überhört und überlesen habe, dass in Hamm ein riesiger Glaselefant steht. Irgendwo habe ich gelesen, es sei der größte in der Welt, aber ich finde die Quelle nicht mehr und so wichtig ist das auch nicht, beeindruckend ist er auf jeden Fall – schon wenn man ihn von weitem sieht, erst recht, wenn man davor steht.

Der Glaselefant entstand 1984 aus einer Kohlenwäsche, also einem alten, ungenutzten Industriegebäude. In dem Jahr fand in Hamm die Landesgartenschau statt und dafür wurde ein das Gelände der Zeche Maximilian zu einem Park umgewandelt. Auch heute finden sich auf dem Gelände noch Spuren der Industriegeschichte, Maschinenhallen und andere Gebäude werden für Veranstaltungen, Restaurant, Verwaltung genutzt und dann ist das eben der Glaselefant.

Der Architekt und Künstler Horst Rellecke hat das Industriegebäude in eine Plastik verwandelt, mit einem Aufzug kann man 35 Meter hoch in den Kopf des Elefanten fahren, wo es eine Ausstellung mit Objekten des Künstlers gibt. Darauf habe ich gestern verzichtet, weil bei dem schönen Wetter der Park lockte und der hält noch viele andere Überraschungen bereit. Natürlich grünt und blüht es überall, aber auch die zahlreichen Skulpturen laden zum Betrachten ein und zwischendurch gibt es kleine Ausflüge in die Geschichte wie die Nachbildung eines westfälischen Backhauses, das ich mir genau angeschaut habe, weil es von Handwerkern aus der Nähe meiner Heimatstadt gefertigt wurde – und ich suche ja noch einen Leichenfundort.

Geplant hatte ich das Schmetterlingshaus als Tatort, als ich aber von draußen die Schmetterlinge flattern sah, erinnerte mit eine Gänsehaut daran, dass Falter und ich nicht wirklich enge Freunde sind. Deshalb habe ich auf einen Besuch des Hauses verzichtet, aber von einem Vater, der draußen auf einer der zahlreichen Bänke saß, erfahren, dass es kleine Mädchen gibt, die Schmetterlinge lieben und sie kuschelig finden. Naja.

Ich habe mich lieber damit befasst, die Meditationsbrücke zu fotografieren und mir anzuschauen, wie weit die Themengärten schon gedienen sind. Da gibt es einen Färbergarten und einen Apothekergarten, einen Fuchsiengarten und einen Gemüse- und Kräutergarten. Besonders stolz ist der Park auf die Anlage von Gartenkünstler Pied Oudolf, von dem aber noch nicht so viel zu sehen war – es ist eben doch erst Frühling und nicht Sommer. Aber so habe ich einen Anlass, im Sommer noch einmal hinzufahren. Ich habe ohnehin noch nicht alles gesehen, vor allem habe ich mir nicht gemerkt, von wem welches Kunstwerk statt. Aber was wären wir ohne Ziele.

Und vielleicht genehmige ich mir beim nächsten Mal ein Eis auf der Seeterasse und warte kontemplativ darauf, ob der Kopf des Wals auftaucht, dessen Schwanzflosse beeindruckend aus dem Wasser ragt. Ja, Teiche und Seen gibt es auch in dem Park – nicht das einzige Highlight für Wasserliebhaber. Ein Highlight – nicht nur im Hochsommer – ist auch das Tal der Seen. Allerdings empfehle ich, die Kamera vor dem Betreten und zwar schon vor dem Durchqueren des Torbogens wegzuräumen. Die dicke Spinne dort sprüht nämlich Wassergibt und der Drachen schnaubt auch etwas feucht. Kein Wunder, dass sich die Kinder dort tummelten. Für sie ist der Park ohnehin ein Paradies mit den Rutschen auf dem Affenfelsen, den riesigen Klettergerüsten und den zahlreichen Spielmöglichkeiten, die der Bezeichnung „Familienpark“ Ehre machen. Ok, beim Betreten des Parks durch den Haupteingang sind noch elterliche Ermahnungen nötig, das Kohleobjekt ist nämlich kein Klettergerüst, sondern eine interessante Erinnerung an die Geschichte des Geländes.

Eine wirklich gelungene Umwandlung eines Industriegeländes in eine Freizeitoase, die im Jahr rund 350.000 Besucher nutzen. Wohnte ich in Hamm, gehörte ich sicher zu den 9.000 Besitzern einer Dauerkarte, zumal diese den Eintritt zu den Events enthält – in der nächsten Woche gibt es zum Beispiel eine Wasserfontänen-Show, bei der Beschreibung ich sponan an die Wasserorgel zur 750-Jahr-Feier in Borken 1976 denken muss. Ich glaube, ich muss in der nächsten Woche noch einmal nach Hamm!

Weitere Informationen über den Park, die Specials, die ich noch nicht gesehen habe, und die Veranstaltungen: www.maximilianpark.de

29.03.2014 Kokerei Hansa in Dortmund

Die Suche nach einem schönen Tatort für einen literarischen Mord in Dortmund hat mich in der letzten Woche zur Kokerei Hansa geführt. Über Umwege, denn zunächst wollte ich mir das Alte Hafenamt anschauen, das 1899 – im Geburtsjahr Erich Kästners! – eingeweiht wurde. Leider ist es seit Anfang des Jahres nicht mehr möglich, das Gebäude zu besichtigen. Trauungen werden noch angeboten, aber extra wegen eines Blicks in das alte Gemäuer zu heiraten, finde ich doch etwas aufwendig. Also habe ich mich mit einem Außenblick begnügt und einem Foto von „Anchor-Corvo“ und der Strandbar „Hafenglück“, vielleicht entpuppt sich letztere sogar als geeigneter Tatort.

Aus Enttäuschung über die verschlossene Tür des Hafenamtes habe ich mich wieder ins Auto gesetzt und bin der Route Industriekultur gefolgt. Erstaunlich, was einem da begegnet. Ich weiß, das Klärwerk von 1994 böte viele Tatortoptionen, aber das ist mir doch zu jung. Das Pumpenwerk wäre da schon interessanter, doch ehe ich das Schild gelesen hatte, war ich schon an der Parkmöglichkeit vorbei und stand auf dem Parkplatz der Kokerei Hansa. Kokerei – schon der Name ließ mich an verkokelte Körper denken.

Das war aber auch meine einzige Assoziation zu Kokerei. Ich wusste zwar, dass die Kokerei Hansa zu den Industriedenkmälern zählt, was jedoch in einer Kokerei getan wurde, war mir gänzlich unbekannt. Ich ahnte, dass es etwas mit Kohle zu tun hatte, weil in der Nähe Fördertürme standen und mir auch beim Besuch der Zeche Zollern der Begriff „Kokerei“ begegnet war. Nun bin ich schlauer: In einer Kokerei werden Koks hergestellt. Nein, kein Kokain! Sondern jene Kohlestückchen, wie sie meine Eltern in dem kleinen Kohleofen verheizt haben, der in unserer ersten Wohnung stand.

Die Kokerei Hansa wurde 1927/28 gebaut, um aus der Steinkohle der umliegenden Zechen Koks herzustellen. Koks ist nichts anderes als Steinkohle, die auf über 1000 Grad erhitzt wird. Da auf diese Weise der Kohlenstoffgehalt erhöht wird, eignet sich Koks besser als Brennstoff denn Steinkohle. Die Kokerei ist schon seit gut 20 Jahren nicht mehr in Betrieb. Die Gebäude stehen jedoch noch, sodass das Gelände einen Eindruck von der Arbeit vermittelt. Derzeit sind zwar nur die Kompressorenhalle und die Waschkaue zu besichtigen, aber auch beim Gang über das Gelände spürt man, welcher Erfindergeist und welche Logistik bereits lange vor unserer Zeit herrschte.

Mich hat schon von weitem der Löschturm fasziniert, der mit seinen Holzwänden wirkt, als käme er direkt aus einem Western. Unglaublich, wie er in die ganzen Abläufe integriert war und wie geschickt die Architekten schon damals solche Fabriken geplant haben.

Beeindruckend sind aber auch die riesigen Kompressoren in der Maschinenhalle. Riesige Räder mit riesigen Pleulstangen, die mir das Gefühl gaben, in einer Riesenwelt zu sein. Und dann die Schraubschlüssel, die vor der ersten Maschine lagen, mit einem geschätzten Schraubdurchmesser von 40 cm sind bomastisch. Aber es gibt auch tatsächlich die Muttern dazu an den Kompressoren. Auch hier kam ich aus dem Staunen nicht heraus, dass solche Maschinen bereits 1927 oder 1928 produziert wurden.

Beim Stromern durch das Gelände entdeckte ich dann die Kohlenbandbrücke, auf der die Steinkohle aus den Zechen in den Sortenturm gelangten. Diese Brücke sieht von weitem aus wie eine Kombination aus Sitzlift und Laufband wie es „mein“ Supermarkt in Bochum hatte. Leider durfte ich nicht näher an das Gebäude oder Gefährt, wie auch immer ich das nennen soll, heran. Es hat mich sehr interessiert, was genau sich auf dieser Brücke jetzt befindet. Die nebenstehende Teleaufnahme hat meine Neugier eher noch mehr geweckt, als sie zu beruhigen. Sind das Sitzlehnen, die da zu sehen sind oder sitzen da gar Figuren? Fragen über Fragen, die ich bei einem nächsten Besuch klären werde. Bis dahin sind die Arbeiten auf dem Gelände auch vielleicht vorangeschritten. Dort wird nämlich zurzeit eine Art Industriepark vorbereitet. Die Wege werden befestigt, Schutzgeländer angebracht und wer weiß was sonst noch gearbeitet. Wir durften uns leider nur in einem begrenzten Bereich bewegen, aber dafür ist der Eintritt derzeit auch frei und alleine die Kompressorenhalle und die Waschkaue sind beeindruckend.

Apropos Waschkaue. als ich die eigentliche Waschkaue betrat, wechselten sich zwei Gedanken in meinem Kopf ab: Die Rohe, die aus der Decke kamen, erinnerten mich spontan an meinen Besuch im Konzentrationslager Dachau. Das ist also das Vorbild für die Gaskammern, dachte ich. Zum Glück lenkte mich der Anblick der Seifenspender, die in die Wand eingelassen waren, von diesen trüben Assoziationen ab. Als ich die Reihe der Seifenspender sah, hatte ich nämlich die Idee, künftig Lernhilfen mit Fotos zu versehen, weil mich die Reihe an Aufgaben wie „Was gehört nicht in die Reihe?“ oder „Vervollständige das zweite Bild“ erinnerten.

Weitere Informationen über die Kokerei Hansa, auf deren Gelände übrigens auch noch Goldfische zu betrachten sind: http://www.ruhrgebiet-industriekultur.de/kokerei-hansa.html

© Dr. Birgit Ebbert www.birgit-ebbert.de